Eine Brille sitzt acht bis sechzehn Stunden am Tag im Gesicht. Sie berührt die Nase, die Wangen, die Ohren, wird mit den Händen auf- und abgesetzt, landet auf dem Schreibtisch, in der Tasche, auf dem Nachttisch. Und sie wird deutlich seltener gereinigt als die Hände, die sie anfassen.

Eine molekularbiologische Untersuchung der Hochschule Furtwangen hat sich angesehen, was sich daraus ergibt. Die Zahlen sind bemerkenswert, die Schlussfolgerung ist praktischer, als man zunächst denkt.


Was die Studie untersucht hat

Die Forschenden nahmen Abstriche von den Brillen von dreißig Studierenden und Mitarbeitenden, jeweils getrennt von den Bügeln, den Gläsern und den Nasenauflagen. Anschließend wurde das gesammelte Erbgut sequenziert.

Das Ergebnis: mehr als 5.200 verschiedene Bakterienarten auf den untersuchten Brillen.

Diese Zahl klingt dramatischer, als sie ist, und das sollte man dazusagen. Sie beschreibt die Artenvielfalt über alle Proben hinweg, nicht die Menge auf einer einzelnen Brille. Der überwiegende Teil sind gewöhnliche Haut- und Schleimhautbakterien, die auf jedem Menschen leben und dort nichts anrichten.

Interessant ist trotzdem, was die Untersuchung im Detail zeigt.


Wo die Keime tatsächlich sitzen

Makroaufnahme des Bügelendes einer Brille mit Scharnier

Die Verteilung folgt einem klaren Muster, und es ist nicht das, was die meisten vermuten würden.

  • Die größte Artenvielfalt fand sich auf den Gläsern. Sie sind die größte Fläche und fangen alles ein, was aus der Umgebung kommt.
  • Am dichtesten besiedelt waren die Stellen mit direktem Hautkontakt: die Nasenpads und die Bügelenden hinter den Ohren. Dort ist es warm, leicht feucht, und es gibt Hautfett als Nahrungsgrundlage.
  • Die geringste Artenvielfalt zeigten ausgerechnet die Nasenpads; dafür siedeln dort besonders viele Exemplare weniger Arten.

Dominiert wurde das Bild von Cutibakterien, Corynebakterien und Staphylokokken, typischen Bewohnern der Gesichtshaut. Über die Hände, die Gesichtshaut und beim Atmen gelangen sie auf die Brille.

Von den dreizehn am häufigsten nachgewiesenen Arten gelten mehr als achtzig Prozent als potenziell pathogen. Das bedeutet nicht, dass sie krank machen; die meisten Menschen tragen sie ohnehin auf der Haut. Es bedeutet, dass sie unter ungünstigen Umständen eine Infektion auslösen können, und der Augenbereich ist dafür empfindlicher als die Unterarmhaut.


Warum die Nasenpads der kritische Punkt sind

Die Nasenpads bekommen bei der üblichen Reinigung fast nie etwas ab. Wer mit dem Tuch über die Gläser wischt, lässt sie automatisch aus. Sie sitzen im toten Winkel, sind klein und schwer zugänglich.

Gleichzeitig sind sie der Ort mit den besten Bedingungen: dauerhafter Hautkontakt, Wärme, Feuchtigkeit durch Schweiß, Hautfett als Nährboden. Der typische gelbliche Belag, den man an älteren Silikonpads sieht, ist genau das: verhärtetes Hautfett mit allem, was sich darin angesiedelt hat.

Dasselbe gilt für die Bügelenden hinter den Ohren und für die Scharniere, in denen sich Ablagerungen sammeln.

Das ist der eigentliche Grund, warum Nassverfahren hier im Vorteil sind: Eine Reinigungslösung erreicht diese Stellen von selbst, ein Tuch kommt gar nicht erst hin.


Anhauchen ist das Gegenteil von Reinigung

Ein Detail aus der Untersuchung verdient besondere Aufmerksamkeit: Ein Teil der nachgewiesenen Keime stammt aus dem Mund- und Rachenraum, und zwar über die verbreitetste Putzgewohnheit überhaupt.

Wer die Brille anhaucht, überträgt mit dem feuchten Atem Mundflora direkt auf das Glas. Anschließend wird sie mit dem Hemdzipfel verteilt. Die Gläser sehen danach besser aus, hygienisch ist die Bilanz negativ.

Warum das auch optisch keine gute Idee ist, steht in unserem Beitrag über die acht häufigsten Fehler beim Brille reinigen.


Die gute Nachricht: 94 bis 99 Prozent

Makroaufnahme von Wassertropfen auf einem Brillenglas

An dieser Stelle wird es praktisch. Untersuchungen zur Keimreduktion zeigen, dass eine feuchte Reinigung die Keimzahl auf Brillen um 94 bis 99 Prozent senkt.

Dafür braucht es kein Desinfektionsmittel. Entscheidend ist das Prinzip: Feuchtigkeit plus Tensid plus Abspülen. Die Keime werden nicht abgetötet, sondern schlicht weggetragen, und das genügt.

Was hingegen nicht funktioniert, ist trockenes Wischen. Es verteilt um, es entfernt nicht.

Warum kein Desinfektionsmittel?

Hochprozentiger Alkohol greift Entspiegelungen und Kunststofffassungen an. Bei einmaliger Anwendung passiert nichts, bei täglicher Wiederholung schon: matte Stellen, feine Risse in der Beschichtung, stumpfe Fassungsoberflächen.

Da eine gründliche feuchte Reinigung praktisch dasselbe Ergebnis bringt, gibt es im Alltag keinen Grund, das Risiko einzugehen.


Wann Hygiene besonders zählt

Für die meisten Menschen ist die Bakterienlast auf der Brille im Alltag unproblematisch. Es gibt aber Situationen, in denen genaueres Hinsehen sinnvoll ist:

  • Bindehautentzündung oder Gerstenkorn: Die Brille kann Erreger zurück ans Auge tragen. Während und nach einer Infektion täglich gründlich reinigen.
  • Nach Augenoperationen: Hier gelten die Anweisungen der behandelnden Praxis, und die sind meist strenger.
  • Kinderbrillen: Kinder fassen ihre Brille deutlich häufiger an und legen sie überall ab.
  • Geschwächtes Immunsystem: Was sonst harmlos ist, kann hier relevant werden.
  • Make-up: Kosmetikreste sind Nährboden und sammeln sich besonders an den Nasenpads.
  • Sport und Schwitzen: Schweiß beschleunigt die Besiedlung der Kontaktstellen deutlich.

Häufig gestellte Fragen

Muss ich meine Brille desinfizieren?

Im Normalfall nicht. Eine tägliche feuchte Reinigung mit einem geeigneten Reiniger entfernt den Großteil der Keime, ohne die Beschichtung zu belasten.

Wie oft sollte ich die Brille aus hygienischen Gründen reinigen?

Einmal täglich, am besten abends. Dann liegt die Brille nachts sauber im Etui statt mit dem Tagesschmutz.

Wie reinige ich die Nasenpads richtig?

Sie brauchen Kontakt mit Reinigungslösung, nicht mit einem Tuch. Ein Nassverfahren erreicht sie automatisch. Bei verhärteten gelben Belägen hilft eine weiche Zahnbürste mit etwas Reiniger. Vorsicht, die Halterungen sind dünn.

Kann ich mich über meine Brille anstecken?

Eine Übertragung ist grundsätzlich möglich, im Alltag aber unwahrscheinlich. Relevanter wird es bei bestehenden Augeninfektionen, weil die Brille dann als Zwischenstation wirkt.

Hilft es, die Brille im Etui aufzubewahren?

Ja, gegen Staub und mechanische Schäden. Gegen Keime nur bedingt: Ein Etui, in das jahrelang eine ungereinigte Brille gelegt wird, ist selbst nicht sauber. Auch das Etui gehört gelegentlich ausgewischt.


Fazit

Nahaufnahme des EyeAm Brillenbads zur gründlichen Reinigung von Brillen

Die Zahl aus der Studie ist ein guter Aufhänger, aber sie ist nicht die eigentliche Erkenntnis. Wichtiger ist, wo die Keime sitzen: an den Stellen, die bei der üblichen Reinigung übersehen werden – an den Nasenpads, an den Bügelenden, in den Scharnieren.

Und die Lösung ist unspektakulär. Kein Desinfektionsmittel, kein Gerät, keine Spezialbehandlung. Nur Wasser, ein geeigneter Reiniger und die Bereitschaft, die Brille dabei nicht nur an den Gläsern zu erwischen. Das senkt die Keimzahl um über neunzig Prozent und dauert eine Minute.

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Welche Reinigungsmethode am besten zu Dir passt, klären wir im offenen Vergleich von Brillenbad, Ultraschallreiniger und Reinigungstüchern.

EyeAm Team

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